100 Jahre SPD Ahrensburg

Hundert Jahre sind kein Pappenstiel
   Als im Jahre 1903 der politische Verein der Sozialdemokratie in Ahrensburg gegründet wurde, war die Welt in einem anderen Zustand als heute. Nach Hundert Jahren kann man sich kaum vorstellen, welche persönliche Anstrengung und wie viel Mut jemand brauchte gerade in einem Dorf wie Ahrensburg Mitglied gerade der sozialdemokratischen Partei zu sein.

Das Leben wurde vom Gutsherrn Schimmelmann bestimmt. Das Gut war bisher die entscheidende wirtschaftliche Einheit gewesen und bestimmte über Arbeitsplätze und Einkommen. Gleichzeitig war der Gutsherr Polizei- und Ordnungsbehörde. Wer sich mit ihm nicht gut stellte hatte schlechte Karten.

Doch die Welt war nicht draußen zu halten. Seit 1875 die Eisenbahnverbindung von Lübeck nach Hamburg in Betrieb war, trug die neue Mobilität auch zur Verbesserung des Nachrichtennetzes bei. Die Gründung des Kaiserreiches 1870 und die Einrichtung eines Reichstages in Berlin machte es möglich, dass die Sozialdemokratie eigene Abgeordnete nach Berlin entsenden konnte, wenn sie genug Stimmen erhielt. Das Wahlsystem war ungerecht und noch längst nicht demokratisch, dennoch haben die Handwerker und Arbeiter aus Ahrensburg dafür gekämpft einen eigenen Reichstagsabgeordneten in Berlin zu haben. Trotz Behinderung von Wahlkampfveranstaltungen, Ausweisung des Kandidaten aus seinem Wahlkreis Altona und Stormarn, brachten die Sozialdemokraten 1884 den aus Hannover stammenden Schlosser und Schriftsteller Carl Frohme als ihren Abgeordneten in direkter Wahl in den Reichstag. Sozialdemokraten handelten nach dem Motto: Trotz alledem. Der Gastwirt und Pantoffelmacher Lüthje, in dessen Gaststätte in der Hamburger Straße sich die Sozialdemokraten trafen - Handwerker, Bauarbeiter, Streckenwärter der Eisenbahn, Setzer oder Müller – handelte sich wie die anderen, ständige Verfolgung und Bespitzelung ein und sollte mit seiner Familie ausgewiesen werden. Der Nachtwächter bei der Lübeck Büchener Eisenbahngesellschaft Johann Friedrich Willhöft wurde bespitzelt und bei seinem Arbeitgeber angeschwärzt, das Wahlverhalten der Bahnwärterkollegen wurde ausgespäht, ein Briefgeheimnis gab es nicht. Der Inhalt von Briefen wurde der Gutsobrigkeit gemeldet und an den Landrat in Wandsbek berichtet. Der Mitbegründer des Ortsvereins, Seehase, wurde von seinem Arbeitgeber (LBE) nach Büchen strafversetzt wegen seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie in. Mit dem Ende des Kaiserreichs und der demokratischen Verfassung der Weimarer Republik hörte vorerst die Verfolgung in Ahrensburg auf. Bei der ersten Kommunalwahl nach demokratischen Kriterien zogen im März 1919 fünf Sozialdemokraten in die Gemeindevertretung ein. Die anderen Parteien hatten zusammen sieben Gemeindevertreter. Doch 14 Jahre währte die Demokratie bis eine neue, noch massivere Verfolgung unter den Nazis begann. Im März 1933 wurden noch einmal vier Sozialdemokraten – in ihrer Mitte Otto Siege - in die Gemeindevertretung gewählt. Im Juli wurden diese per Mitteilung im Gemeindeprotokoll ausgeschlossen. Zwölf Jahre Not und Finsternis begannen.

Doch bereits am 5. Mai 1945 stellten sich Sozialdemokraten in Ahrensburg der Militärregierung in Oldesloe zur Verfügung um eine demokratische Gemeindeverwaltung aufzubauen. Otto Siege wurde von den Engländern als erster Bürgermeister nach dem Krieg in Ahrensburg eingesetzt.

Der Wiederaufbau ging zügig voran, die demokratische Entwicklung wurde nicht durch Unterdrückung oder Verfolgung aufgehalten. Es hat niemand mehr einen Schaden, wenn er sich zur Sozialdemokratie - zur SPD – bekennt. Aber ich werde den persönlichen Eindruck nicht los, dass es immer noch einige wenige Zeitgenossen gibt, die es lieber sähen, wenn wir verboten wären – oder in der Verbannung?

  Udo Weber, Januar 2003
Ahrensburg, 01.01.03