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Liebe Genossinnen, liebe Genossen!
Auch in diesem Jahr wollen wir als ein Höhepunkt unserer Adventsfeier
die Ehrungen langjähriger Mitglieder durchführen, heute sind Jubilarinnen und Jubilare
für 25-jährige und 40-jährige Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands zu ehren, also Mitglieder, die im Jahre 1958 bzw. 1973 eingetreten sind.
Dazu kommt heute noch eine ganz besondere Ehrung. Einer unter uns hat
bereits im Jahr 1923 das erste Mal ein Parteibuch erhalten, ist also 75 Jahre dabei.
Laßt mich versuchen, Euch einige unvollständige Einblicke in diese
drei verschiedenen Epochen unseres Jahrhunderts zu geben. Danach sollen dann die Ehrungen
stattfinden.
1923 - heute vor 75 Jahren
Die Jahre 1919 bis 1923 werden in den Geschichtsbüchern als die
Krisenjahre der Weimarer Republik bezeichnet, die Inflation galoppierte , es herrschte
Kapitalmangel und Zerrüttung der Wirtschaft, und die arbeitenden Menschen wurden mit
wertlosem Papier entlohnt.
Nicht nur das tägliche Leben wird immer schwerer, auch die Volkskultur
immer teurer:
Zu einem Richard-Strauß-Konzert der 1920 wiedergegründeten Kieler
Volksbühne wurde per Plakat zum 17. November 1923 eingeladen. Der Eintrittspreis: 75
Milliarden Mark, und auf dem Plakat steht in Klammern "Preiserhöhung
vorbehalten". Die Inflation ging auch an den Eintrittspreisen der Volksbühne nicht
vorbei. Im November 1923 war vor der sogenannten Stabilisierung der Währung mit
Einführung der Rentenmark eine Billion Papiermark nur noch eine Goldmark wert.
Dies war die Zeit, in der national gesinntes Bürgertum und die
angeblich `unpolitischeA Reichswehr die nach dem ersten Weltkrieg ausgerufene neue
Republik genauso ablehnten und bekämpften wie extreme Rechte und Linke.
Die Dolchstoßlegende trieb die rechten radikalen Kräfte zusammen, in
deren Verantwortung zahlreiche Morde verübt wurden (wie an Kurt Eisner oder Walter
Rathenau) und auch Putschversuche liegen. Die meisten von Euch wissen vom Kapp-Putsch 1920
oder dem Putsch der Schwarzen Reichswehr 1923 in Küstrin. Nicht nur über den Kapp-Putsch
hat Edwin Grützner lesenswerte Erinnerungen in der von Udo Weber 1993 aufgeschriebenen
Geschichte unseres Ortsvereins niedergelegt.
In München scheiterte 1923 auch der Hitler-Putsch. Der
NSDAP-Vorsitzende Hitler wurde zwar zu 5 Jahren Zwangshaft verurteilt, saß aber nur 8
Monate ab und gründete sofort die NSDAP neu.
Die Franzosen marschierten ins Ruhrgebiet ein, weil die Deutschen ihren
Reparationsleistungen nicht nachkamen und während in Italien Mussolini 1922 nach den
Marsch auf Rom die Macht an sich gerissen hatte und mit dem Aufbau einer
Einparteiendiktatur und der Verwirklichung seiner Vorstellung eines totalen Staates
begann, führte Kemal Atatürk in der Türkei die laizistischen Reformen durch und trennte
Staat und Islam in der türkischen Republik. Rechte Diktaturen fanden sich auch in
Bulgarien und Spanien.
In den USA blühte der Kapitalismus in der Zeit des Big Business,
Überproduktion in der Landwirtschaft und Produktivitätssteigerungen in der Industrie von
über 20% pro Jahr verschärften die Ausbeutung und die Verarmung weiter Schichten der
Bevölkerung. Henry Ford gilt immer noch als Leitfigur. Seit der Einführung des
Fließbandes in der Automobilproduktion wurde die Montagezeit eines Autos von eineinhalb
Tagen auf 93 Minuten verkürzt.
Nach der Wiedervereinigung der seit 1916/17 in
Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
(USPD) gespaltenen Partei hatte Bernstein mit dem Görlitzer Programm von 1921 die
demokratisch-sozialistische Reformpolitik in der SPD formuliert. Immer noch in Nachwehen
des Revisionismusstreits wurde unter der Führung Kautskys das Heidelberger Programm von
1925 erarbeitet, das auf Positionen des Erfurter Programms zurückgriff und das im
Görlitzer Programm formulierte Eintreten für den parlamentarisch-demokratischen Staat
wieder erheblich abschwächte.
Und auch das war 1923:
Kurt Tucholsky schrieb als Ignaz Wrobel in der Weltbühne von seinen
Sorgen über die kommende Diktatur, Bert Brecht entwickelte das epische Theater, am der
deutsche Unterhaltungsrundfunk wurde im Oktober im VOX-Haus in Berlin eröffnet, der
Charleston war der Modetanz und Sarah Bernhardt starb in Paris, Wilhelm Conrad Röntgen in
München.
1958 - heute vor 40 Jahren
Nach der Niederschlagung des Faschismus, nach Währungsunion und
Wiederbewaffnung waren die späten 50er-Jahre die Zeit des Wirtschaftswunders, für die
weltweit Ludwig Ehrhard als Wirtschaftsminister, aber auch der Volkswagen stand, dessen
millionstes Exemplar schon 3 Jahre zuvor vom Fließband gerollt war.
Die amerikanische Raumsonde Pioneer folgte 1958 dem ersten Start eines
sowjetischen Sputnik und der kurzen Reise der Hündin Laika durch das Weltall im Jahr
1957.
Das amerikanische Atom-U-Boot Nautilus unterquerte das Nordpolareis und
erste Versuche zur Kontrolle von Atomtests wurden in Genf gestartet.
In Deutschland wuchs die Bewegung gegen die Atombewaffnung, gegen die
friedliche Nutzung der Atomenergie wurde erst später demonstriert. Der erster
Atom-Reaktor war schon 1957 in Garching ans Netz gegangen.
Mit der Unterzeichnung der Verträge von Rom war Deutschland seit einem
Jahr Mitglied der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), es gab einen Ministerrat,
den die sechs Mitglieds-Regierungen beschickten, das europäische Parlament wurde erst 21
Jahre später direkt vom Volk gewählt.
Für die SPD waren es schlechte Zeiten, die CDU hatte mit Adenauer 1957
die absolute Mehrheit gewonnen, und in der SPD gab es leidenschaftlichen Streit um ein
neues Grundsatzprogramm, das schließlich 1959 in Godesberg verabschiedet wurde und die
marxistische Ausrichtung der deutschen Sozialdemokratie beenden und die SPD von der
Arbeiterpartei zur Volkspartei wandeln sollte. Eine entscheidende Rolle bei diesem Prozeß
spielte Herbert Wehner, der die Partei Ende der 60er Jahre auch in die große Koalition
und damit zur Regierungsverantwortung führte.
Und auch das war 1958:
Der seit Anfang der 50er Jahre in Amerika ausgeprägte Musikstil des
Rock'n Roll änderte die westliche Unterhaltungsmusik grundlegend. Erstmals lief eine
Musikform parallel mit der internationalen Ausbildung einer jugendlichen Protestkultur.
Schallplatten und Filme von Elvis Presley oder Bill Haley wurden von jungen Menschen auch
in Deutschland begierig konsumiert.
1973 - heute vor 25 Jahren
Ganz im Zeichen sozialdemokratischer Reform- und Entspannungspolitik
stand die Zeit zu Beginn der 70er Jahre. Als Kanzler der inneren Reformen wollte Willy
Brandt nach dem Regierungswechsel 1969 `mehr Demokratie wagenA und erreichte in der
Folgezeit in der Deutschland- und Ostpolitik große Erfolge.
So waren die Ostverträge 1970, der Friedensnobelpreis für
Bundeskanzler Willy Brandt 1971, das gescheiterte Mißtrauensvotum gegen Brandt und
schließlich der Grundlagenvertrag von 1973 mit der DDR die herausragenden politischen
Ereignisse in Deutschland.
Die Sozialdemokratie war erfolgreich auf vielen Ebenen,
Bundespräsident Gustav Heinemann beliebt als Bürgerpräsident und die Regierung Brandt
in der Bevölkerung angesehen.
Die Bundesrepublik und die DDR wurden Mitglieder der UNO und auf
europäischer Ebene wurde mit der Gründung der Konferenz für Zusammenarbeit in Europa
(KSZE) die Grundlage für die Beendigung der Spaltung Europas und der Welt gelegt,
maßgeblich durch europäische Sozialisten und Sozialdemokraten vorangetrieben. Neben
Willy Brandt ist vor allem Olof Palme hier zu nennen.
Die EG wurde um Großbritannien, Dänemark und Irland erweitert, in
Nordirland prägten Straßenschlachten und Bombenattentate der IRA den Alltag, zwischen
Israel und seinen Nachbarn tobte der 4. israelisch-arabische Krieg, der als Auslöser für
die weltweiten Erdölkrisen der Folgejahre gilt.
In Vietnam schwiegen die Waffen trotz des Friedensvertrags nach
mehreren Jahrzehnten Krieg immer noch nicht. Noch bis 1975 bekämpfen sich die Menschen in
dem geteilten Land.
Die Watergate-Affäre um Präsident Nixon erschütterte nicht nicht nur
die Menschen in den USA, und Leonid Breschnew herrschte in Moskau mit hartem Besen.
Auch das war 1973:
Walter Ulbricht, David Ben Gurion und Pablo Picasso starben im Jahr
1973.
Disco-Sound und Punkrock entwickelten sich aus der über lange Zeit
einförmiger gewordenen Rockmusik, Lou Reed sang "Take a Walk on the Wild Side"
und in Ahrensburg war Eckart Kuhlwein Ortsvereinsvorsitzender.
In diesem Jahr 1973 sind
Rainer Pflocksch, Wolfgang Walter, Ursula Winnig, Dirk Burmeister,
Walter Runge, Harald Benöhr und Volker Wurr
der SPD beigetreten, die ich jetzt für die 25-jährige Mitgliedschaft
mit der Ehrenurkunde und der silbernen Nadel auszeichnen möchte.
1958 in die Partei eingetreten ist
Manfred Beyer, den ich jetzt für die 40-jährige
Mitgliedschaft mit der Ehrenurkunde und der Nadel mit goldenem Rand auszeichnen möchte.
Und nun zum Höhepunkt unserer Ehrungen:
Edwin Grützner ist 1923 in die Partei eingetreten und
damit seit 75 Jahren Mitglied.
Ich überreiche Dir neben der Urkunde die Willy-Brandt-Medaille der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
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