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Zur Situation der SPD nach den Terroranschlägen vom 11.
September 2001 und dem Bundesparteitag in Nürnberg hat
der Ortsverein Ahrensburg folgende Resolution beschlossen:
Die Rolle Deutschlands in einer internationalen
Friedenspolitik
Die größte Bedrohung für eine friedliche Welt sind nämlich Armut,
Naturzerstörung sowie das Gefühl von Ohnmacht und Perspektivlosigkeit. Von
daher ist ein breites Reformbündnis zwischen Industriestaaten und
Entwicklungsländern sowie der Akteure der Zivilgesellschaften für einen
globalen New Deal notwendig.
Forum Demokratische Linke 21
‘Gegen die Privatisierung der Welt - Für die Stärkung der
Demokratie'
· In der Folge dieser Erkenntnis meinen wir, dass eine sozialdemokratische
Politik in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen die sozialen, ökonomischen und
ökologischen Ursachen zur Abwehr terroristischer Gefahren stellen muss.
· Im Zusammenhang hiermit sind an erster Stelle, einhergehend mit tief
greifenden Reformen der Weltwirtschaft, eine Stärkung der Vereinten Nationen,
eine Weltordnungspolitik (global governance), die Fortentwicklung der
Europäischen Union zu einem demokratischen Bundesstaat und die Sicherung und
Stärkung einer internationalen Rechtsordnung mit einem internationalen
Gewaltmonopol zu nennen.
· Wir anerkennen das Recht eines jeden Staates, sich gegen Angriffe auf sein
Territorium und seine Bürger zu verteidigen. Internationaler Terror und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden nicht geduldet. Sozialdemokratische
Politik unterstützt internationale polizeiliche, ggf. militärische Maßnahmen
dagegen.
· Alle Gewaltanwendung muss völkerrechtlich legitimiert sein und
kontrolliert werden, i.d.R. durch die UNO, darf sich nur gegen verbrecherische
Gewalt richten und muss angemessen ausgeübt werden. Insbesondere müssen dabei
die Opfer der verbrecherischen Gewalt sowie unbeteiligte Dritte geschützt
werden.
· Unilaterale Kriegseinsätze sind als Mittel gegen den internationalen
Terrorismus ungeeignet. Sie sind nicht nur nicht geeignet, die Urheber
gewalttätiger Terrorakte gefangen zu nehmen und ihre Stützpunkte
auszuschalten, sie laufen allen Bemühungen für ein friedliches Miteinander der
Völker zuwider, da sie die Spirale der Gewalt nurmehr weiterdrehen.
· Wir fordern nachdrücklich, dass unser Land sich nicht an eventuellen
weiteren Kriegen der USA beteiligt. Wir lehnen jeden Waffenexport in Länder,
die nicht der NATO angehören, ab.
· Es ist ein internationaler Gerichtshof zu schaffen, die USA müssen dazu
gedrängt werden, diesen anzuerkennen, genauso wie internationale Bestrebungen
zum Klimaschutz und zur Ächtung atomarer, biologischer und chemischer
Kampfstoffe.
· Zu einer Stärkung weltstaatlicher Institutionen gehört, dass alle
Regionen dieser Welt in ihnen gleichberechtigt vertreten sind, dass in
Einrichtungen wie Weltbank und Internationaler Währungsfond ein fairer
Nord-Süd-Ausgleich gilt. Es müssen international anerkannte, demokratisch
gebildete, politische Steuerungsmechanismen geschaffen werden, um die
Weltwirtschaftsordnung neu zu gestalten. Politik muss wieder über die Grenzen
hinweg ein starkes und wirksames Instrument sein, um die Zukunft nicht allein
den Gesetzen von Markt und Kapital zu überlassen. Nur wenn soziale und
ökologische Gesichtspunkte stärker berücksichtigt werden, können
Verteilungskämpfe und weiter sich ausbreitende Armut und Verelendung vermieden
werden. Zu den unabdingbaren Voraussetzungen für ein dauerhaftes friedliches
Miteinander gehören politische Teilhabe, Bewahrung der verschiedenen
kulturellen Identitäten, die gerechte Chance auf wirtschaftlichen Erfolg und
ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit.
· Wir fordern, sich wieder mehr den Fragen der Armutsbekämpfung, und der
Notwendigkeit einer starken Entwicklungspolitik als friedens- und
sicherheitspolitischem Ansatz für eine sichere Zukunftsgestaltung zuzuwenden.
Es wird zu viel Wert auf militärische und sicherheitspolitische Aspekte gelegt.
Wir glauben, dass die Partei, wenn sie ihrer Verantwortung für die Zukunft
gerecht werden will, wieder mehr die Fragen der Gerechtigkeit und Solidarität
in den Vordergrund rücken muss. Wir meinen, dass Deutschlands zukünftige Rolle
in der Welt angesichts unserer Geschichte im 20. Jahrhundert vielmehr die ‘soziale,
ökologische und europäische Gestaltung der Globalisierung' (Michael Müller),
als die der militärischen Kraftentfaltung sein sollte. Wir halten für
dringlich, daß den zivilen Maßnahmen zur Friedenssicherung eine deutlich
höhere Priorität eingeräumt wird und daß neue zivilgesellschaftliche
Instrumente wie der Zivile Friedensdienst weiter ausgebaut und finanziell
erheblich stärker ausgestattet werden als bisher.
2. Die gesetzlichen Bestimmungen zur inneren Sicherheit
Die Sicherheitspolitik der SPD muss folgenden Grundsätzen genügen:
· Unser demokratischer Staat ist und bleibt auf den Schutz der
Menschenrechte und der Freiheitsrechte unseres Grundgesetzes verpflichtet. Das
gilt jedoch auch für jeden Bürger. Wenn Einzelne oder Gruppen den Rechtsstaat
beschädigen, verwirken sie den Schutz des Staates. Dieser ist dann zum Schutz
der anderen Bürger zu Gegenmaßnahmen verpflichtet.
· Die Internationalisierung des Verbrechens und des Terrors sowie die
anschwellenden Migrationsströme machen es verstärkt notwendig, drohende
schwere Rechtsverletzungen frühzeitig zu erkennen und möglichst zu verhindern
sowie begangene Verletzungen wirksam zu ahnden. Dafür können Eingriffe z.B. in
das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und das Einwanderungs- und
Aufenthaltsrecht erforderlich werden.
· Solche Einschränkungen der Freiheitsrechte müssen jedoch auf das
unbedingt notwendige Maß beschränkt werden. Jede Einschränkung muss der
Freiheit mehr nutzen als schaden. Und die Anwendung der Einschränkungen muss
ständig und wirksam kontrolliert werden.
Auf diesem Hintergrund kritisieren wir an den verabschiedeten
Gesetzesänderungen (Sicherheitspaket 2):
· Keine einzige der im Gesetzespaket beschlossenen Maßnahmen ist geeignet,
Anschläge wie die Attentate von New York zu verhindern.
· Ohne eine solche Rechtfertigung werden dagegen durch die verabschiedeten
Maßnahmen Grund- und Freiheitsrechte sowohl deutscher als auch nichtdeutscher
Bürger eingeschränkt.
· Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik bekommt der
Verfassungsschutz polizeiähnliche Exekutivbefugnisse. Die aus gutem Grund seit
der Zeit des Nationalsozialismus geltende Trennung zwischen Polizei und
Geheimdiensten wird weiter aufgeweicht. Die Terroranschläge und deren
Vorgeschichte müssen vielmehr zum Anlass genommen werden, das Wirken der
Geheimdienste sehr kritisch zu überprüfen.
· Durch die Einführung des §129b StGB wird die Möglichkeit eröffnet, die
Mitgliedschaft und Unterstützung terroristischer Gruppierungen auch dann
strafrechtlich zu verfolgen, wenn diese nicht über eine entsprechende Struktur
in Deutschland verfügt. Die Definition solcher Begriffe wie „Unterstützung
des internationalen Terrorismus„, und die Abgrenzung von „Terroristen„ und
„Freiheitskämpfern„ ist problematisch und oftmals fragwürdig resp.
willkürlich.
· Zwar ist die nunmehr vorgesehene Befristung der Gesetzesvorhaben auf fünf
Jahre mit dann erfolgender Überprüfung eine zumindest formale Verbesserung.
Nicht vergessen werden darf jedoch, dass die neu geschaffenen Strukturen mit
Sicherheit ein großes Interesse haben werden, „Erfolge„ vorzuweisen. Einmal
festgelegte Überwachungsmaßnahmen werden erfahrungsgemäß nur im Ausnahmefall
wieder aufgehoben. Auch wird die festgelegte unabhängige wissenschaftliche
Überprüfung der vorgeschlagenen Maßnahmen infolge der strukturellen
Beteiligung der Geheimdienste faktisch erschwert.
3. Die politischen Methoden der SPD in der Bundesregierung
· Die Politik der Bundesregierung nach den Terroranschlägen des 11.
September hat unter den Mitgliedern der SPD starke, zum Teil leidenschaftliche
und sehr unterschiedliche Reaktionen bis hin zu Austritten ausgelöst. Das war
bei der ethischen Fundierung vieler Mitglieder, vor allem im Pazifismus, auch
nicht anders zu erwarten.
· Aber auch die Meinungen der jeweils anders Denkenden werden in der SPD
stets respektiert und ernst genommen. Daher wird anerkannt, dass eine Partei in
der Regierungsverantwortung vielfältige Bezüge und Zusammenhänge beachten
muss.
· Es wird auch anerkannt, dass eine Regierung unter Umständen zügig
handeln muss. Eine solche Notwendigkeit ergab sich bei der Entscheidung für
unsere Teilnahme an der sog. Allianz für den Frieden nach den Anschlägen vom
11. September. Aber dann muss die Regierung ihr Handeln hinterher verantworten,
auch gegenüber den Mitgliedern der eigenen Partei. Und sie muss die eventuelle
Kritik in ihr künftiges Handeln einbeziehen.
· Die Verpflichtung auf eine „uneingeschränkte Solidarität„ war
verfrüht und nicht gerechtfertigt und, wie sich zeigte, auch nicht zu halten.
Einsame Entschlüsse sollten nicht zu vollmundig ausfallen, sonst verlieren die
Entscheider ihre Basis.
· Besondere Probleme bereitet der SPD Ahrensburg die Verknüpfung der
Entscheidung über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mit der
Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag. Diese Verknüpfung ist von vielen
Genossen als Erpressung gesehen worden. Damit wurde deutlich, dass nicht nur die
Mitglieder an der Entscheidung nicht beteiligt werden konnten, sondern auch die
eigene Fraktion zum Vollzugsorgan einer vorher beschlossenen Regierungspolitik
degradiert wurde. Das mag im Einzelfall zum Erhalt der Regierungsverantwortung
hingenommen werden. Eine Wiederholung würde aber das Vertrauen der Basis
erschüttern. Die Regierung muss sich bei der Formulierung ihrer Politik der
Zustimmung der Fraktion auch ohne Pressionen versichern.
· So tief greifende Entscheidungen wie die deutsche Beteiligung an
Kriegseinsätzen oder auch die Verschärfung der Sicherheitsgesetze sollen
zukünftig wieder ausführlich und offen sowohl im Bundestag als auch auf dem
Bundesparteitag diskutiert werden. Es muss möglich sein, solche Fragen gut
vorbereitet und kontrovers zu debattieren.
4. Eine gleich lautende Resolution soll auf dem Kreisparteitag Februar
2002 sowie auf den nächsten Landes- und Bundesparteitagen beschlossen werden.
Der Verlauf der Diskussion - Unsere Argumente
zu 1. Die Rolle Deutschlands in einer internationalen Friedenspolitik
Die Anschläge des 11. September erfüllen zweifelsfrei die Tatbestände des
Terrorismus und des Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Das und ihre maßlose
Brutalität legitimieren und erfordern die wirksame Verfolgung und Bestrafung
der Täter, ihrer Helfer und ihrer Auftraggeber.
Polizei und Geheimdienste konnten viele und starke Indizien zusammentragen,
die für die Urheberschaft der internationalen Organisation el Kaida unter
Leitung bin Ladens sprechen. Doch diese Indizien wurden bis in die jüngste
Vergangenheit hinein erst schrittweise gesammelt und enthalten bis heute keinen
schlüssigen Beweis, wie er für einen rechtsstaatlichen Prozess gefordert
würde. Auch Afghanistan gegenüber konnte der Beweis nicht erbracht werden.
Statt einer Polizeimaßnahme unter Leitung der UNO und eines Prozesses vor
einem internationalen Strafgerichtshof, dessen Errichtung die USA nach wie vor
verhindern, führten die USA einen Krieg nominell gegen el Kaida und die Taliban,
de facto gegen das Land Afghanistan, das sie weitgehend zerstörten.
Dieser Krieg wurde jedoch von einer weltweiten sog. Allianz für den Frieden
höchst unterschiedlicher Staaten geduldet und unterstützt, die in dem
Terrornetzwerk der el Kaida zweifelsfrei die Urheber der Anschläge vom 11.
September und zahlreicher weiterer Verbrechen sahen.
Der Sicherheitsrat der UNO gab dem Krieg einstimmig die völkerrechtliche
Legitimation.
Trotzdem bleiben Zweifel an der Notwendigkeit, materiellen Rechtmäßigkeit
und Angemessenheit dieses Krieges. Wir meinen, dass wesentliche Gründe für die
Gewaltausbrüche, wie wir sie am 11. September erlebt haben, durch einen Krieg
der USA nicht gelöst werden. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass die Lösung
der im Folgenden genannten, sozialen, politischen und ideologischen Ursachen
durch einen Militäreinsatz in Vergessenheit gerät oder sogar unmöglich wird.
Armut als Nährboden für Gewalt: Not und Elend all zu vieler Menschen auf
dieser Welt, Ausgrenzung und Marginalisierung, Perspektivlosigkeit und
Verletzung der Menschenwürde sind nicht nur bestürzend und ungerecht, sondern
bilden den Nährboden für Krisen, Konflikte und Gewalt. Über 1,2 Milliarden
Menschen, das sind 20% der Weltbevölkerung, leben in extremer Armut, d.h. von
weniger als einem Dollar pro Tag. Es sterben weltweit täglich 24.000 Menschen
an Hunger!
Die Entwicklungsländer werden vielfach (z.B. durch die Agrarsubventionen der
EU) von den westliche Märkten fern gehalten. Die Entwicklungsländer verlieren
schließlich durch den Protektionismus der Industrieländer etwa so viel an
Exporteinnahmen wie sie an öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit erhalten
(rund 50 Milliarden US-Dollar, Heidemarie Wieczorek-Zeul). Nur wenn die
Entwicklungsländer ihre Produkte auf dem Weltmarkt anbieten können, haben
weitere Entschuldungsprogramme Sinn. Die sieben wichtigsten Industrieländer
verfügen über 70% des weltweiten Bruttosozialprodukts, sie machen aber nur gut
10% der Weltbevölkerung aus!
Die politische Situation, der Schutz Andersdenkender oder ethnischer
Minderheiten vor staatlicher Verfolgung, die Situation Andersgläubiger, von
Frauen, der Respekt vor Menschenrechten allgemein ist in vielen armen Ländern
unterentwickelt und erbärmlich. Es herrschen Korruption, Misswirtschaft und
Gleichgültigkeit gegenüber der Not der Massen. Die Verbindung von Staat,
Gesellschaft und Religion, von gekränktem Nationalismus und religiösem
Fanatismus ist brisant. In vielen Fällen gibt es eine interessengeleitete
Symbiose zwischen den herrschenden Eliten in der Dritten Welt, internationalen
Konzernen und westlichen Regierungen, die auf Kosten der einheimischen
Bevölkerung geht. Auch finden sich in den vergangenen Jahrzehnten Beispiele
zuhauf, wo von westlichen Regierungen und Geheimdiensten demokratische
Reformbestrebungen durch direkte oder indirekte Interventionen verhindert
wurden.
Wir wollen jedoch die Gründe für genannten Missstände nicht nur in der
westlichen Politik suchen, denn das Wohlstandsgefälle in der Welt ist nicht nur
das Produkt der Politik des Westens. Hier prallen heute durch die Globalisierung
auch unterschiedliche Lebensformen und Kulturen aufeinander, die früher weit
voneinander entfernt waren und sich nicht in vergleichbarer Form miteinander
verglichen.
Religiöse Konflikte und Kriege finden nicht nur zwischen dem Westen und der
Dritten Welt statt, sondern auch innerhalb des Westens (z.B. Irland), an seinem
Rand (Balkan) und innerhalb Asiens (z.B. Kaschmir) und Afrikas (Islam gegen
Christentum).
Der Rassismus, früher ein Hauptkonfliktpotenzial zwischen dem Westen und dem
Rest der Welt, erzeugt heute Auseinandersetzungen und Kriege fast nur noch
innerhalb der Rassen (z.B. unter Afrikanern und Asiaten).
Und auch das internationale Verbrechen ist nicht nur die Antwort auf
westliche Verantwortungslosigkeit. Religiöser Fundamentalismus und nationaler
oder ethnischer Chauvinismus nutzen heute zwar die Vorbehalte gegenüber dem
Westen und stacheln sie zum Teil bis zum Hass an. Aber die Brutalität des bin
Laden-Netzwerks, der Drogenkartelle und der Bandenkriminalität, deren Geschäft
Kinderpornografie, Prostitution, Diebstahl, Einbruch und Überfall sind, speist
sich aus vielen Quellen und bestand und besteht auf allen Erdteilen auch
unabhängig vom Gefälle zwischen der westlichen und dem Rest der Welt.
Wer jedoch Stellvertreterkriege finanziert und Bürgerkriegsparteien
bewaffnet, muss sich nicht wundern, wenn sich diese Waffen am Ende gegen ihn
selbst richten. Auch im aktuellen Fall des Afghanistankrieges gilt nach wie vor
das Prinzip: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wieder werden Milizen und
Militärmachthaber militärisch unterstützt, auch wenn dieser selbst an der
Schwelle zum Krieg mit seinem Nachbarn steht oder jene sich in der Vergangenheit
durch Unterdrückung und Grausamkeiten hervorgetan haben.
Zur Frage des Rüstungsexports nach Saudi Arabien z.B. schrieb die Zeit in
ihrer Ausgabe 47/2001:
‘Zwischen der Familie Bush und der Familie Osama bin Ladens bestehen alte
Geschäftsbeziehungen. Beide Häuser trafen sich beim kometenhaft aufgestiegenen
Rüstungslieferanten Carlyle Corporation. Vater Bush und der heutige Präsident
erhielten von der Gesellschaft Bezüge als Berater beziehungsweise
Filialdirektor. Die Saudi Binladen Group war zuletzt mit zwei Millionen Dollar
an der Firma beteiligt.'
Weiter heißt es:
‘Auch andere angesehene Mitglieder früherer US-Regierungen waren oder sind
direkte oder indirekte Partner der Saudi Binladen Group. Ex-Außenminister James
Baker gehörte zu den Beratern der Carlyle Corporation. Einer seiner Vorgänger,
George P. Shultz, sitzt im Vorstand der Investmentgesellschaft Fremont Group, an
der die Saudi Binladen Group ebenfalls einen Anteil hat. Viele der privaten
Bankgeschäfte der Laden-Familie liefen über die Citigroup, an deren Spitze der
angesehene frühere Finanzminister Robert Rubin steht.'
Und zum Schluss John P. O'Neill, Leiter des New Yorker FBI Büros für
Terrorbekämpfung, zitiert in dem Buch Brisard und Dasquié Ben Laden: La
Vérité Interdite:
‘"Alle Antworten, alles, was wir brauchen, um bin Ladens Organisation
zu enttarnen, ist in Saudi-Arabien zu finden", vertraute O'Neill dem
Franzosen an. Doch das FBI habe keine freie Hand, um seine Nachforschungen über
den Terror anzustellen. Das State Department mische sich ständig ein. Die USA,
so O'Neills resignative Bilanz, sei nicht bereit, Saudi-Arabien wegen Osama bin
Laden zur Rede zu stellen. Die Öldiplomatie beherrsche Amerikas Außenpolitik.'
Dieses Beispiel zeigt, wie die USA selbst durch doppelte Standards in ihrer
Außenpolitik dem militanten Antiamerikanismus Vorschub leisten.
Einer der Hauptgründe für den islamistischen Terror liegt im ungelösten
Palästinakonflikt. So lange es keinen Frieden zwischen Israel und seinen
arabischen Nachbarn gibt, wird der Konflikt zwischen der westlichen und der
moslemischen Welt schwelen. Der Mitchell-Plan mit seiner Forderung nach
Waffenstillstand vor weiteren Friedensverhandlungen ist gescheitert, die Fronten
sind verhärtet. Die Gewalt eskaliert und eine politische Lösung ist auf
absehbare Zeit unmöglich.
Wir meinen, dass die vorgenannten Punkte eindrucksvoll zeigen, dass hier ein
militärischer Einsatz keine Lösung bringt. Terrorismus stellt ja nur die
spektakulärste Ausdrucksform politischer Gewalt dar und kann nur im
Zusammenhang mit dieser bekämpft werden. Auch wenn viele Terroristen gerade
nicht zu den ärmsten der Armen gehören, so instrumentalisieren sie doch die
Armut und Verzweiflung vieler Menschen in der Dritten Welt für ihre Zwecke.
Gerade die Geschichte des Palästinakonfliktes mit den zuletzt sich
häufenden Selbstmordanschlägen und auch die Serie von Attentaten, angefangen
mit Lockerbie, dem ersten Anschlag auf das WTC, die Attentate auf die
Botschaften in Kenia und Tansania, bis hin zu den apokalyptischen Angriffen auf
New York und Washington zeigen, dass die Bereitschaft zu Gewalt auf der
islamistischen Seite ungebrochen ist und sich ständig steigert. Diese
Bereitschaft wird durch Gegengewalt nicht dauerhaft zu brechen sein, sondern im
Gegenteil nur verschärft werden. Auch wenn Osama Bin Laden gefasst werden
sollte und etliche weitere Kämpfer von al Quaida liquidiert werden: es werden
sich Hunderte und Tausende bereit finden, um den Kampf mit immer grausameren
Mitteln fortzuführen.
Mit dem Sturz des Taliban-Regimes ist lediglich ein sekundäres Problem
gelöst, und (möglicherweise) ein zwanzig Jahre währender Bürgerkrieg beendet
worden. Das primäre Ziel, den internationalen Terrorismus auszurotten, ist
nicht erreicht worden.
Zu 2. Die gesetzlichen Bestimmungen zu inneren Sicherheit
Es wird in den letzten Jahren ein zunehmendes Maß an Verunsicherung in der
Bevölkerung konstatiert. Diese Verunsicherung macht sich an wachsender Angst
vor Kriminalität fest, ist zum Teil lediglich subjektiver Art, d.h. die
Betroffenen sind nicht mehr oder weniger bedroht als früher, und wird
bekanntermaßen von Populisten kräftig geschürt. Es haben sich aber objektiv
die Quellen und Formen der Bedrohung unserer Sicherheit gewandelt, wie viele
Bereiche unseres Lebens, so haben sich auch das Verbrechen und der Terror
internationalisiert. Im Inland operierende Banden werden aus dem Ausland
gesteuert. Und im Inland aufgebaute Netzwerke verüben Verbrechen in anderen
Ländern, wie die Hamburger „Schläfer„ zeigen, die die Flugzeuge in das
World Trade Center steuerten. Auch durch die Einwanderung von Menschen unter
Missbrauch bestehender Zuzugs- und Aufenthaltsrechte gelangen Spannungen und
Verbrechen in unser Land.
Daher sehen auch wir die Notwendigkeit, die Sicherheitsgesetze immer wieder
zu überprüfen und sie ggf. den veränderten Bedingungen anzupassen. Dabei
müssen jedoch Kriterien beachtet werden, wie sie z.B. die Humanistische Union
aufgestellt hat:
· Jede einzelne Maßnahme muss geeignet sein, dem vorgegebenen Zweck, hier
der Terroristenabwehr, zu dienen.
· Nachweislich stehen keine anderen Mittel zur Verfügung, die unsere
Grundrechte nicht oder weniger verletzen.
· Die staatlichen Maßnahmen greifen nicht unverhältnismäßig in die
Rechte des/ der Einzelnen ein.
Hinsichtlich des verabschiedeten Gesetzesänderungen (Sicherheitspaket 2)
schließen wir uns der Kritik vieler Datenschützer und Sachverständiger an.
Die wesentlichen Punkte der Gesetzesänderungen sind:
Sicherheitsüberprüfungen: Personen, die in sicherheitsempfindlichen und
lebenswichtigen Einrichtungen arbeiten, werden vom Geheimdienst überprüft. Der
betroffene Personenkreis wird im Vergleich zum bisherigen Rechtszustand
erheblich ausgeweitet. Welche Behörden und Betriebe dies betrifft, wird per
Rechtsverordnung vom Bundesinnenminister festgelegt. Die gesetzliche Vorgabe
dafür lautet: „Einrichtungen, die für das Funktionieren des Gemeinwesens
unverzichtbar sind und deren Beeinträchtigung erhebliche Unruhe in großen
Teilen der Bevölkerung entstehen lassen würde.„
Folge der Überprüfung kann sein: Faktisch nicht angreifbare
arbeitsrechtliche Kündigungen – oder Nichteinstellung.
Bundeskriminalamt (BKA): Seine Kompetenzen werden deutlich ausgeweitet. Es
kann „Daten zur Ergänzung vorhandener Sachverhalte„ erheben.
Diese Formulierung kann (nach umstrittener Ansicht) das Tor zu
verdachtsunabhängigen BKA-Ermittlungen öffnen.
Bundesgrenzschutz (BGS): In Flugzeugen dürfen Beamte von Polizei und
Bundesgrenzschutz als Sicherheitskräfte (so genannte Sky Marshals) eingesetzt
werden, nicht aber private Sicherheitsdienste.
Geheimdienste: Sie dürfen bei Kreditinstituten, Luftverkehrsunternehmen,
Post- und Kommunikations-Dienstleistern jederzeit Daten abfragen und Auskünfte
einholen, „im Einzelfall„, wie es in der letzten Gesetzesfassung heißt.
Diese Befugnisse, die auch weiterhin keiner Kontrolle durch die Justiz,
sondern nur einer parlamentarischen Kontrolle unterworfen sind, werden auch den
Landesämtern für Verfassungsschutz eingeräumt. Wenn Geheimdienstler sich in
Privatwohnungen begeben, darf, zu ihrem Schutz, dort der Lausch- und
Spähangriff praktiziert werden.
Asylverfahren: Die Stimme des Ausländers darf aufgezeichnet und gespeichert
werden – zur Feststellung, wo er herkommt, wie es heißt. Ausweisungsgründe
werden ausgeweitet. Fingerabdrücke und andere Identität sichernde Unterlagen
werden künftig zehn Jahre aufbewahrt. Die Daten dürfen unter bestimmten
Einschränkungen an ausländische Stellen weitergegeben werden.
Ausländergesetz: Die Gründe für die Versagung einer Aufenthaltsgenehmigung
werden erweitert. Versagungsgrund ist künftig auch die Gefährdung der
freiheitlich-demokratischen Grundordnung oder der deutschen Sicherheit. Ein
Versagungsgrund besteht weiter dann, wenn „Tatsachen belegen„, dass der
Ausländer eine terroristische Vereinigung unterstützt. Die Tatsachen stellt
die Behörde fest. Auch die Ausweisungsgründe werden erweitert.
Ausländerzentralregister: Die Sicherheitsdienste dürfen künftig den
gesamten Datenbestand in einem automatisierten Verfahren abrufen. Es soll auch
die Religionszugehörigkeit von Ausländern gespeichert werden; die Angabe ist
jedoch freiwillig. Eine Speicherung der ethnischen Zugehörigkeit entfällt.
Pass/Personalausweis: Sie dürfen „neben Lichtbild und Unterschrift weitere
biometrische Merkmale von Fingern oder Händen oder Gesicht des Inhabers
enthalten„.
Diese Merkmale dürfen verschlüsselt werden – das heißt, der
Ausweisinhaber kann selbst nicht feststellen, welche Angaben auf dem Ausweis
stehen. Ein Bundesgesetz soll Näheres regeln. Eine bundesweite Zentraldatei
über diese Merkmale wird nicht eingerichtet
Vereinsgesetz: Die Verbotsgründe für Ausländervereine werden erweitert:
Sie können unter anderem verboten werden, wenn „ihr Zweck oder ihre
Tätigkeit die politische Willensbildung oder das friedliche Zusammenleben von
Deutschen und Ausländern oder von verschiedenen Ausländergruppen im
Bundesgebiet, die öffentliche Sicherheit oder sonstige erhebliche Interessen
der Bundesrepublik Deutschland beeinträchtigt oder gefährdet„.
Handy-Erkennung: Der Einsatz so genannter IMSI-Catcher wird rechtlich
geregelt.
Mit dieser Technik können Kennung und Standort eines Handys ermittelt
werden. Dabei werden auch Mobiltelefone im Umkreis erfasst. Für Daten
unbeteiligter Dritter besteht ein absolutes Verwendungsverbot. Diese Daten
müssen gelöscht werden.
Wir meinen, dass die verabschiedeten Gesetzesänderungen den o.a.
angeführten Kriterien für ihre Berechtigung nicht ausreichend entsprechen.
Es ist schon wiederholt festgestellt worden, dass die zu erwartenden
Änderungen im Passgesetz als Maßnahme gegen den internationalen Terrorismus
untauglich sind, denn ausländische Terroristen sind auf deutsche Pässe nicht
angewiesen, und bis alle deutschen Pässe umgestellt sein werden, werden Jahre
ins Land gehen.
Wir erinnern daran, dass Otto Schily 1978 zur hohen Zeit der Terrorismusangst
als Erstunterzeichner das Manifest der Humanistischen Union „Wo beginnt der
Kernbereich des Rechtsstaats„ unterschrieben hat. Darin heißt es: „Man
bekämpft Feinde des Rechtsstaats nicht mit dessen Abbau und man verteidigt die
Freiheit nicht durch deren Einschränkung. Es gilt das Wort Benjamin Franklins,
eines der Gründerväter der Vereinigten Staaten:
‘Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides
verlieren.'„
Zu 3. Die politischen Methoden der SPD in der Bundesregierung
Viele Genossen und Symphatisanten der SPD stehen der Politik der
Bundesregierung seit dem 11. September skeptisch bis ablehnend gegenüber. Mehr
als ein Drittel unter den SPD-Wählern sagt Nein zu einer Beteiligung
Deutschlands an Kriegseinsätzen, laut Gernot Erler äußerte sich die Hälfte
der Genossen in Briefen etc., die ihn vor der Bundestagsabstimmung am 16.
November erreichten, ablehnend.
Die Argumente der kontroversen Auseinandersetzung sind einerseits:
Abgeordnete und Regierungsmitglieder werden zwar von Parteien benannt, sind
im Amt dann aber dem ganzen Land verantwortlich. Außerdem müssen sie auf
Mehrheiten bei Wahlen zum Erhalt der Regierungsverantwortung achten; das geht
weit über die Mitglieder der Partei hinaus.
In unserer komplizierten und schnelllebigen Zeit müssen politische
Beschlüsse in komplexen Zusammenhängen oft vergleichsweise kurzfristig gefasst
werden. So war z.B. nach dem 11. September eine monate- oder jahrelange
Diskussion, ob und wie wir uns an der Verfolgung bin Ladens beteiligen und wie
wir künftig „Schläfer„ in unserem Land besser vermeiden, gar nicht
möglich. Wir haben aus guten Gründen eine repräsentative und keine
plebiszitäre Demokratie.
Die Bundesregierung musste also schnell und möglichst eindeutig handeln. Sie
ist damit ihrer Verantwortung gerecht geworden. Aber sie muss ihre
Entscheidungen vor dem Land, ihren Wählern und den Mitgliedern ihrer Partei
rechtfertigen. Wenn sie unter dem Eindruck dieser Diskussion ihre Entscheidungen
nachträglich modifiziert und die Diskussionsergebnisse in nachfolgende
Entscheidungen einbezieht, dann ist das kein Eingeständnis eines Versagens,
sondern ein Lernprozess, der einer Demokratie gut ansteht.
Dabei ist deutlich geworden, dass nach Meinung der Mitglieder der Partei wir
uns an der Verfolgung der Attentäter des 11. September beteiligen mussten. Der
Terror war durch nichts zu rechtfertigen und richtete sich auch gegen uns als
Teil der westlichen Welt. Und durch unsere Beteiligung hatten und haben wir auch
die Möglichkeit, auf das Verfahren im Sinne unserer Werte und Interessen
Einfluss zu nehmen.
Das ist allerdings auch dringend erforderlich. Denn der Feldzug in
Afghanistan trägt deutliche Kennzeichen einer Überreaktion und an weiteren
Kriegen gegen andere, den USA verdächtige Länder dürfen wir uns keinesfalls
beteiligen. Und in der inneren Sicherheits- und Einwanderungspolitik muss bei
allen Einschränkungen der Freiheitsrechte die Balance zwischen Nutzen und
Schaden sehr sorgfältig gewahrt werden.
Andererseits
Die SPD hat ihre Parlaments- und Regierungsmitglieder mit dem Auftrag
entsandt, Politik auf der Basis sozialdemokratischer Werte zu machen. An der
Formulierung dieser Politik will die Partei auch zumindest in wesentlichen
Fragen beteiligt bleiben.
Die vom Parteivorsitzenden und Bundeskanzler als einsamer Beschluss
verkündete „uneingeschränkte Solidarität„ mit den Amerikanern nach den
Anschlägen des 11. September hat in der Partei zu keinem Zeitpunkt eine
Mehrheit gehabt. Der Eiertanz späterer Einschränkungen in Richtung auf eine
kritische Solidarität wäre vermeidbar gewesen.
Auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan hat in der Partei keine
Mehrheit. Seine politische und moralische Berechtigung ist mehr als zweifelhaft.
Die Vergewaltigung kritischer Abgeordneter durch die Verknüpfung mit der
Vertrauensfrage im Bundestag ist moralisch nicht zu rechtfertigen. Sie hat viele
Genossen vor den Kopf gestoßen, die tatsächlichen Verhältnisse im Bundestag
auf den Kopf gestellt und auf eine autoritäre Weise eine gründliche und
notwendige Auseinandersetzung über die künftige Rolle Deutschlands in der Welt
unterdrückt.
Durch die Einschränkung der Freiheitsrechte im Inneren sind alle Bürger
stark betroffen. Vielleicht hätten sie sich ja von der Notwendigkeit
überzeugen lassen. Aber dazu hätte es vor dem Beschluss der Diskussion in der
Partei bedurft. So hat die Regierung alle gegen sich und die neuen Vorschriften
aufgebracht.
Das Gleiche gilt für die geplanten Einschränkungen der Einwanderung. Wir
können uns als Teil der westlichen Welt der Mitschuld an der Not anderer
Länder nicht entziehen und müssen zu unserer moralischen Pflicht gegenüber
Verfolgten stehen.
Schon nach der Abstimmung über den Mazedonieneinsatz der Bundeswehr und den
angedrohten Konsequenzen für abweichendes Abstimmungsverhalten im Bundestag hat
der Ortsverein folgenden Beschluss u.a. an den Generalsekretär der Partei
gerichtet:
Der Ortsverein Ahrensburg stellt sich mit diesem Beschluss hinter das Recht
sozialdemokratischer Abgeordneter des Bundestags, abweichend von der Vorgabe der
Fraktionsführung abzustimmen, wenn dies als Konsequenz ihrer politischen
Einsicht oder ihres Gewissens von ihnen für notwendig erachtet wird. Eine
Maßregelung durch Fraktionsvorstand, Parteivorstand oder Generalsekretär
lehnen wir ab. Wir gehen davon aus, dass sozialdemokratische Mandatsträger sich
vor der Gliederung der Partei, die ihnen die Kandidatur ermöglichte, und vor
den Wählern ihres Wahlkreises verantworten.
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