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24. Die Anschläge des 11. September erfüllen zweifelsfrei die Tatbestände
des Terrorismus und des Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Das und ihre
maßlose Brutalität legitimieren und erfordern die wirksame Verfolgung und
Bestrafung der Täter, ihrer Helfer und ihrer Auftraggeber.
25. Polizei und Geheimdienste konnten viele und starke Indizien
zusammentragen, die für die Urheberschaft der internationalen Organisation el
Kaida unter Leitung bin Ladens sprechen. Doch diese Indizien wurden bis in die
jüngste Vergangenheit hinein erst schrittweise gesammelt und enthalten bis
heute keinen schlüssigen Beweis, wie er für einen rechtsstaatlichen Prozess
gefordert würde. Auch Afghanistan gegenüber konnte der Beweis nicht erbracht
werden.
26. Statt einer Polizeimaßnahme unter Leitung der UNO und eines Prozesses
vor einem internationalen Strafgerichtshof, dessen Errichtung die USA nach wie
vor verhindern, führten die USA einen Krieg nominell gegen el Kaida und die
Taliban, de facto gegen das Land Afghanistan, das sie weitgehend zerstörten.
27. Dieser Krieg wurde jedoch von einer weltweiten sog. Allianz für den
Frieden höchst unterschiedlicher Staaten geduldet und unterstützt, die in dem
Terrornetzwerk der el Kaida zweifelsfrei die Urheber der Anschläge vom 11.
September und zahlreicher weiterer Verbrechen sahen.
28. Der Sicherheitsrat der UNO gab dem Krieg einstimmig die völkerrechtliche
Legitimation.
29. Trotzdem bleiben Zweifel an der Notwendigkeit, materiellen
Rechtmäßigkeit und Angemessenheit dieses Krieges. Wir meinen, dass wesentliche
Gründe für die Gewaltausbrüche, wie wir sie am 11. September erlebt haben,
durch einen Krieg der USA nicht gelöst werden. Es besteht vielmehr die Gefahr,
dass die Lösung der im Folgenden genannten, sozialen, politischen und
ideologischen Ursachen durch einen Militäreinsatz in Vergessenheit gerät oder
sogar unmöglich wird.
30. Armut als Nährboden für Gewalt: Not und Elend all zu vieler Menschen
auf dieser Welt, Ausgrenzung und Marginalisierung, Perspektivlosigkeit und
Verletzung der Menschenwürde sind nicht nur bestürzend und ungerecht, sondern
bilden den Nährboden für Krisen, Konflikte und Gewalt. Über 1,2 Milliarden
Menschen, das sind 20% der Weltbevölkerung, leben in extremer Armut, d.h. von
weniger als einem Dollar pro Tag. Es sterben weltweit täglich 24.000 Menschen
an Hunger!
31. Die Entwicklungsländer werden vielfach (z.B. durch die Agrarsubventionen
der EU) von den westliche Märkten fern gehalten. Die Entwicklungsländer
verlieren schließlich durch den Protektionismus der Industrieländer etwa so
viel an Exporteinnahmen wie sie an öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit
erhalten (rund 50 Milliarden US-Dollar, Heidemarie Wieczorek-Zeul). Nur wenn die
Entwicklungsländer ihre Produkte auf dem Weltmarkt anbieten können, haben
weitere Entschuldungsprogramme Sinn. Die sieben wichtigsten Industrieländer
verfügen über 70% des weltweiten Bruttosozialprodukts, sie machen aber nur gut
10% der Weltbevölkerung aus!
32. Die politische Situation, der Schutz Andersdenkender oder ethnischer
Minderheiten vor staatlicher Verfolgung, die Situation Andersgläubiger, von
Frauen, der Respekt vor Menschenrechten allgemein ist in vielen armen Ländern
unterentwickelt und erbärmlich. Es herrschen Korruption, Misswirtschaft und
Gleichgültigkeit gegenüber der Not der Massen. Die Verbindung von Staat,
Gesellschaft und Religion, von gekränktem Nationalismus und religiösem
Fanatismus ist brisant. In vielen Fällen gibt es eine interessengeleitete
Symbiose zwischen den herrschenden Eliten in der Dritten Welt, internationalen
Konzernen und westlichen Regierungen, die auf Kosten der einheimischen
Bevölkerung geht. Auch finden sich in den vergangenen Jahrzehnten Beispiele
zuhauf, wo von westlichen Regierungen und Geheimdiensten demokratische
Reformbestrebungen durch direkte oder indirekte Interventionen verhindert
wurden.
33. Wir wollen jedoch die Gründe für genannten Missstände nicht nur in der
westlichen Politik suchen, denn das Wohlstandsgefälle in der Welt ist nicht
nur das Produkt der Politik des Westens. Hier prallen heute durch die
Globalisierung auch unterschiedliche Lebensformen und Kulturen aufeinander, die
früher weit voneinander entfernt waren und sich nicht in vergleichbarer Form
miteinander verglichen.
34. Religiöse Konflikte und Kriege finden nicht nur zwischen dem Westen und
der Dritten Welt statt, sondern auch innerhalb des Westens (z.B. Irland), an
seinem Rand (Balkan) und innerhalb Asiens (z.B. Kaschmir) und Afrikas (Islam
gegen Christentum).
Der Rassismus, früher ein Hauptkonfliktpotenzial zwischen dem Westen und dem
Rest der Welt, erzeugt heute Auseinandersetzungen und Kriege fast nur noch
innerhalb der Rassen (z.B. unter Afrikanern und Asiaten).
35. Und auch das internationale Verbrechen ist nicht nur die Antwort auf
westliche Verantwortungslosigkeit. Religiöser Fundamentalismus und nationaler
oder ethnischer Chauvinismus nutzen heute zwar die Vorbehalte gegenüber dem
Westen und stacheln sie zum Teil bis zum Hass an. Aber die Brutalität des bin
Laden-Netzwerks, der Drogenkartelle und der Bandenkriminalität, deren Geschäft
Kinderpornografie, Prostitution, Diebstahl, Einbruch und Überfall sind, speist
sich aus vielen Quellen und bestand und besteht auf allen Erdteilen auch
unabhängig vom Gefälle zwischen der westlichen und dem Rest der Welt.
36. Wer jedoch Stellvertreterkriege finanziert und Bürgerkriegsparteien
bewaffnet, muss sich nicht wundern, wenn sich diese Waffen am Ende gegen ihn
selbst richten. Auch im aktuellen Fall des Afghanistankrieges gilt nach wie vor
das Prinzip: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wieder werden Milizen und
Militärmachthaber militärisch unterstützt, auch wenn dieser selbst an der
Schwelle zum Krieg mit seinem Nachbarn steht oder jene sich in der Vergangenheit
durch Unterdrückung und Grausamkeiten hervorgetan haben.
37. Zur Frage des Rüstungsexports nach Saudi Arabien z.B. schrieb die Zeit
in ihrer Ausgabe 47/2001:
`Zwischen der Familie Bush und der Familie Osama bin Ladens bestehen alte
Geschäftsbeziehungen. Beide Häuser trafen sich beim kometenhaft aufgestiegenen
Rüstungslieferanten Carlyle Corporation. Vater Bush und der heutige Präsident
erhielten von der Gesellschaft Bezüge als Berater beziehungsweise
Filialdirektor. Die Saudi Binladen Group war zuletzt mit zwei Millionen Dollar
an der Firma beteiligt.'
38. Weiter heißt es:
`Auch andere angesehene Mitglieder früherer US-Regierungen waren oder sind
direkte oder indirekte Partner der Saudi Binladen Group. Ex-Außenminister James
Baker gehörte zu den Beratern der Carlyle Corporation. Einer seiner Vorgänger,
George P. Shultz, sitzt im Vorstand der Investmentgesellschaft Fremont Group, an
der die Saudi Binladen Group ebenfalls einen Anteil hat. Viele der privaten
Bankgeschäfte der Laden-Familie liefen über die Citigroup, an deren Spitze der
angesehene frühere Finanzminister Robert Rubin steht.'
39. Und zum Schluss John P. O'Neill, Leiter des New Yorker FBI Büros für
Terrorbekämpfung, zitiert in dem Buch Brisard und Dasquié Ben Laden: La
Vérité Interdite:
`"Alle Antworten, alles, was wir brauchen, um bin Ladens Organisation zu
enttarnen, ist in Saudi-Arabien zu finden", vertraute O'Neill dem Franzosen
an. Doch das FBI habe keine freie Hand, um seine Nachforschungen über den
Terror anzustellen. Das State Department mische sich ständig ein. Die USA, so
O'Neills resignative Bilanz, sei nicht bereit, Saudi-Arabien wegen Osama bin
Laden zur Rede zu stellen. Die Öldiplomatie beherrsche Amerikas Außenpolitik.'
40. Dieses Beispiel zeigt, wie die USA selbst durch doppelte Standards in
ihrer Außenpolitik dem militanten Antiamerikanismus Vorschub leisten.
41. Einer der Hauptgründe für den islamistischen Terror liegt im
ungelösten Palästinakonflikt. So lange es keinen Frieden zwischen Israel und
seinen arabischen Nachbarn gibt, wird der Konflikt zwischen der westlichen und
der moslemischen Welt schwelen. Der Mitchell-Plan mit seiner Forderung nach
Waffenstillstand vor weiteren Friedensverhandlungen ist gescheitert, die Fronten
sind verhärtet. Die Gewalt eskaliert und eine politische Lösung ist auf
absehbare Zeit unmöglich.
42. Wir meinen, dass die vorgenannten Punkte eindrucksvoll zeigen, dass hier
ein militärischer Einsatz keine Lösung bringt. Terrorismus stellt ja nur die
spektakulärste Ausdrucksform politischer Gewalt dar und kann nur im
Zusammenhang mit dieser bekämpft werden. Auch wenn viele Terroristen gerade
nicht zu den ärmsten der Armen gehören, so instrumentalisieren sie doch die
Armut und Verzweiflung vieler Menschen in der Dritten Welt für ihre Zwecke.
43. Gerade die Geschichte des Palästinakonfliktes mit den zuletzt sich
häufenden Selbstmordanschlägen und auch die Serie von Attentaten, angefangen
mit Lockerbie, dem ersten Anschlag auf das WTC, die Attentate auf die
Botschaften in Kenia und Tansania, bis hin zu den apokalyptischen Angriffen auf
New York und Washington zeigen, dass die Bereitschaft zu Gewalt auf der
islamistischen Seite ungebrochen ist und sich ständig steigert. Diese
Bereitschaft wird durch Gegengewalt nicht dauerhaft zu brechen sein, sondern im
Gegenteil nur verschärft werden. Auch wenn Osama Bin Laden gefasst werden
sollte und etliche weitere Kämpfer von al Quaida liquidiert werden: es werden
sich Hunderte und Tausende bereit finden, um den Kampf mit immer grausameren
Mitteln fortzuführen.
44. Mit dem Sturz des Taliban-Regimes ist lediglich ein sekundäres Problem
gelöst, und (möglicherweise) ein zwanzig Jahre währender Bürgerkrieg beendet
worden. Das primäre Ziel, den internationalen Terrorismus auszurotten, ist
nicht erreicht worden. |