Laudatio von Martin Habersaat zur Preisverleihung 2017

Olof-Palme-Friedenspreis 2017

Laudatio – Martin Habersaat, MdL 

„Wir sind nicht machtlos. Solidarität kann uns ein reiches und sinnvolles Leben geben.“ Tage Erlander

Davon zeugen auch die Nominierungen des heutigen Abends. Einzelpersonen und Gruppen, jüngere und ältere, hier Geborene und neu Dazugekommene. Alle zeigen, dass man etwas erreichen kann, und alle werden nachher beim Empfang davon berichten können, wie Engagement und Solidarität das eigene Leben bereichern können.

1) Marina und Dieter Umlauff aus Reinbek

Vorgeschlagen von Verena Timm

Marina und Dieter Umlauff, so heißt es in der Begründung, engagieren sich „mit Elan und Herzblut für Menschen, die Hilfe, Schutz oder Unterstützung brauchen. Sie schenken Zeit, hören zu, helfen.“  Das ist einer der Gründe, warum ich mich freue, Frau Umlauff und ihren Deutschkurs in der nächsten Woche im Kieler Landeshaus begrüßen zu dürfen. Von Elan und Herzblut zeugt übrigens auch der Vorschlag. Manchmal erreicht uns die Kopie eines Presseartikels oder der Link zu einer Webseite, hier war es ein mehrseitiger Brief, der von Sprachunterricht für Geflüchtete und Computerkursen berichtete, von Familienzusammenführungen und tollen Festen. Von der Vermittlung „neuer“ Kameraden an die freiwillige Feuerwehr. Ein weiteres Zitat aus dem Brief: „Menschlichkeit, Herzenswärme, ein gutes Bauchgefühl haben die Unruheständler.“ So zu sein und so wahrgenommen zu werden, allein das verdient einen großen Applaus.

 

Hinweis 1

Der Aufbau meiner Rede ist leicht: Es gibt immer die Vorstellung einer Nominierung und einen allgemeinen Hinweis, dieses war der erste.

2) Ahmed Sulaiman Jàf und „sein Flüchtlingspate“ Heinz Gérard, Ahrensburg

Vorgeschlagen von Ahrensburgs Bürgermeister Michael Sarach und Hans Peter Weiß, Olof-Palme-Preisträger von 2010

Herr Jàf stammt aus dem Nordirak und ist im Jahr 2014 nach Deutschland geflohen, wo er als Flüchtling anerkannt wurde und Asyl erhielt. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Ahrensburg, wo er unter anderem im Freundeskreis für Flüchtlinge als ehrenamtlicher Dolmetscher arbeitet. Nachdem im September 2016 in Reinfeld, Ahrensburg und Großhansdorf Flüchtlingsunterkünfte und Wohnungen durchsucht und drei Syrer unter IS-Verdacht festgenommen wurden, organisierten Herr Jàf und Herr Gérard in der Ahrensburger Innenstadt eine friedliche Demonstration der Ahrensburger Flüchtlinge und ihrer Flüchtlingspaten gegen Hass und Terror, für Frieden und Toleranz. Schon im Irak hat Herr Jàf ein Projekt namens „miteinander friedlich leben“ geleitet. Mit seiner Aktion ging es ihm auch darum, schreibt Herr Weiss, „Flüchtlinge und andere Migranten aus der Isolation herauszuholen und zur selbstinitiativen Teilhabe am Gemeinwesen“ zu motivieren.

Hinweis 2

Die Reihenfolge der Vorstellungen ist zufällig. Es kann sein, muss aber nicht sein, dass die ersten oder die letzten gewonnen haben.

 

3) Verein „Arise e.V. – Eine Schule für Ghana“, Ahrensburg

Vorgeschlagen von Sigrid Kuhlwein

Annelie Störtefalke war 2014 als Volontärin in Accra. Dort stellte sie fest, dass Bedarf an Kinderbetreuung und Schulbildung bestand. Vor allem an solcher, für die kein Schulgeld fällig würde. Gemeinsam mit zwei Ghanaern begann sie, eine Grundschule und eine Betreuungseinrichtung für Zwei- bis Neunjährige einzurichten. Freundinnen halfen, es wurde der Verein „arise e.V. – Eine Schule für Ghana“  gegründet. Ca. 30 Mitglieder unterstützen das Ziel, Kindern in Ghana eine Chance zu geben. Es sind vor allem junge Menschen aus Stormarn, die sich hier aktiv einbringen. In einem Zeitungsbericht äußern sie sich über ihr Leben in Deutschland so: „Wir sind richtig privilegiert und geben Geld für unwichtige Dinge aus, mit dem sich in Ghana schon eine Menge bewegen lässt.“ 35 Kinder besuchen inzwischen die Schule. To arise kann auftauchen heißen, entstehen oder sich erheben. Hier haben sich welche erhoben, um etwas zu tun.

 

Hinweis 3

Insgesamt sind es neun Nominierungen. Wo aber Gefahr ist, wächst  das Rettende auch – wusste schon Hölderlin. Hinweis 9 wird also das Geheimnis lüften, wem das Kuratorium 2017 den Olof-Palme-Friedenspreis zugesprochen hat.

 

4) Olaf Klaus, Christian Brandt, Olaf Götsche, Sven Meier

Vorgeschlagen vom Kreispräsidenten Hans-Werner Harmuth

Olaf Klaus ist Gemeindewehrführer in Bad Oldesloe. Olaf Götsche ist Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks für Bad Oldesloe. Christian Brandt und Sven Meier sind beim Arbeiter-Samariter-Bund. Als der Notarzt Thorsten Salamon an Leukämie erkrankte und selbst Hilfe brauchte, zeigten diese vier, wozu sie mit der Hilfe ihrer Organisationen in der Lage sind. Frei nach dem Eingangszitat von Tage Erlander: Wir sind nicht machtlos. In und um Hamburg wurde zu mehreren Typisierungsaktionen aufgerufen. Allein in Bad Oldesloe ließen sich 1330 Menschen auf eine mögliche Übereinstimmung testen. 12.249 Euro an Spendengeldern kamen in fünf Stunden zusammen. Und das Beste: Ein potentieller Spender wurde gefunden. Christian Brandt sagte: „Der ganze Kreis Stormarn hat mit angepackt, das war überwältigend.“ Auch anderen Leukämie-Kranken kann durch solche Typisierungsaktionen möglicherweise geholfen werden.

 

 

Hinweis 4

Aus Gründen der Gerechtigkeit habe ich versucht, jede Nominierung in zehn Zeilen vorzustellen. Eigentlich hätten alle mehr Aufmerksamkeit verdient – das müssen Sie im anschließenden Gespräch vertiefen.

 

5) Ursel Blumroth – Nachbarschaftshilfe Glinde

Vorgeschlagen von Jutta Kay

Im Jahr 2013 wollte der „Runde Tisch Senioren“ von den Glinder Bürgern wissen, wie sie ihre Zukunft gestalten möchten. Ende 2013/Anfang 2014 folgten unter dem Motto „Mitten im Leben – alt werden nur die anderen“ viele Glinder Senioren der Einladung, um in Gesprächsrunden ihre Zukunftswünsche zu äußern. Der Einsamkeit entgegenwirken war ein wichtiger Wunsch, ebenso die gegenseitige Unterstützung von Jung und Alt. Ein soziales Netz für Glinderinnen und Glinder. So wurde im Januar 2014 die „Nachbarschaftshilfe Glinde“ gegründet. Sie hilft, unterstützt und spendet Zeit. Für Senioren, aber auch Familien springt sie im Notfall oder bei Krankheit ein. Einige Aktive bildeten sich im Bereich „Demenz und Kommunikation“ fort, andere in Erster Hilfe. Jutta Kay fasst es in ihrem Nominierungsschreiben so zusammen: „Glinde erlebt mit dem Angebot der Nachbarschaftshilfe einfach ein bisschen mehr Menschlichkeit.“

 

Hinweis 5

Das Kuratorium ist in seiner Entscheidung, wer gewinnen soll, frei. Deshalb ist die Laudatio auch immer einem Kuratoriumsmitglied vorbehalten.

 

6) Mehmet Aydemir, Ahrensburg

Vorgeschlagen von Olaf Böhm

Mehmet Aydemir hat über lange Zeit die Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten in Ahrensburg ehrenamtlich geleitet und mit Leben erfüllt. Die Hilfe bei Arztbesuchen für Migranten und Flüchtlinge und deren Kinder war dabei ebenso möglich wie die Unterstützung bei Amtsgeschäften oder die Vermittlung von Wohnungen mit Hilfe der Neuen Heimat. „Ich bin für viele ein Türöffner“ – so hat Herr Aydemir seine Arbeit im Gespräch mit den Lübecker Nachrichten beschrieben. Oft hat er, schreibt Olaf Böhm, geholfen, „Brücken zu schlagen“ und sich für andere Menschen stark gemacht, auch gegenüber Behördenvertretern in Stadt und Kreis. Das ist nicht zu unterschätzen in einer Zeit, in der andere damit werben, Mauern zu bauen. Dazu passt auch das Ahrensburger „Fest ohne Grenzen“, bei dem Herr Aydemir mitwirkt und sicherlich auch sein Engagement am Grill vor dem Peter-Rantzau-Haus.

 

 

Hinweis 6

Das Kuratorium darf den Preis auf einen Preisträger konzentrieren, aber auch auf mehrere Preisträger verteilen.

 

7) Mehmet Daklininc, Bargteheide

Vorgeschlagen von Susanne Danhier

Das intensive Engagement von Mehmet Daklinininc hat das Thema Knochenmarkspende in die Gruppe der türkischen und türkischstämmigen Stormarnerinnen und Stormarner völlig neu transportiert. „Und es hat aufgezeigt, das auch im gesundheitlichen Bereich Völkerverständigung enorm wichtig ist“, schreibt Susanne Danhier im Nominierungsschreiben. Nicht der Blick auf die Herkunft oder die Religion ist entscheidend, sondern der Blick auf Gemeinsamkeiten. Wegen eines Leukämie-Falls in der eigenen Familie hat Mehmet sich mit dem Thema der Stammzellspende intensiv befasst und festgestellt, dass es vielen in der türkischen Gemeinschaft nicht geläufig war oder es sogar Vorbehalte gab. Seitdem hat er mehrere Typisierungsaktionen in Moscheen durchgeführt,  mehrere hundert Personen typisiert und noch mehr aufgeklärt über den Kampf gegen den Blutkrebs, unabhängig von Herkunft oder Religion.

 

Hinweis 7

Das Kuratorium hat den Preis in diesem Jahr geteilt. Zu zwei gleichen Teilen, mit jeweils 1.000 Euro Preisgeld.

 

8) Die Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Busch-Förderschule Glinde und ihre Lehrerin Birgit Durchgraf

Vorgeschlagen von Martin Habersaat

Soweit ich das in der 30jährigen Geschichte des Olof-Palme-Friedenspreises zurückverfolgen konnte, sind erstmals Schülerinnen und Schüler einer Förderschule nominiert. In Klasse 5 und 6 haben sich die Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Busch-Förderschule und ihre Lehrerin Birgit Durchgraf mit dem Leben von Straßenkindern in Maputo befasst. Maputo ist die Hauptstadt von Mosambik. Viele Menschen dort sind obdachlos, auch viele Kinder müssen auf der Straße schlafen. Niemand beschützt die Kinder. Im Rahmen der Aktion „Straßenkind für einen Tag“ putzen die Kinder Schuhe, verkauften selbstgebastelte Lesezeichen, Glückwunschkarten und Schlüsselanhänger und sammelten Geld für eine mobile Schule in Mosambik. (Überhaupt gibt es in Stormarn viele Experten für Schulbau in aller Welt!) Birgit Durchgraf hat die Aktion bereits zum dritten Mal durchgeführt und findet es besonders toll, wenn ihre Schülerinnen und Schüler anderen Kindern in der Welt, denen es schlechter geht, helfen können.

 

Hinweis 8

Ja, auch Mitglieder des Kuratoriums dürfen Vorschläge machen, wenn ihnen engagierte Stormarnerinnen und Stormarner auffallen.

 

9) Oldesloer alternative soziale Einrichtung e.V. (OASE), Bad Oldesloe

Vorgeschlagen von Franz Thönnes

Ein zweitägiges Betriebspraktikum hat bei Franz Thönnes nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Seit fast 20 Jahren, schreibt er, lebt OASE „den Gedanken des friedlichen und solidarischen Miteinanders und bringt sich in besonderer Weise für das Wohl unterschiedlicher Generationen und Familien ein“. Der Verein wurde 1997 von ehrenamtlichen Bürgerinnen und Bürgern gegründet und war 1999 die Grundlage für das Familienzentrum. Kinderbetreuung und Erziehungsberatung werden hier miteinander verbunden. Bei Bedarf werden auch Babysitter vermittelt. Seit 2006 übernahm das Familienzentrum die vom Bund geförderte Trägerschaft im „Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser“. Jung und Alt Begegnen sich, die Prinzipien der früheren Großfamilie werden in die moderne Gesellschaft übertragen. OASE leistet viele wertvolle Beiträge für ein gutes Miteinander in Bad Oldesloe und der Region.

 

Vor dem letzten Hinweis eine persönliche Bemerkung:

Mich stimmen die Nominierungen für den Olof-Palme-Friedenspreis in jedem Jahr wieder optimistisch und trotz allem, was in der Welt passiert, stolz auf die „Gutmenschen“ – wer wollte auch das Gegenteil sein? Alle sind Gewinner, alle sind ein Gewinn für unser Zusammenleben in Stormarn. Wir sind nicht machtlos. Solidarität kann uns ein reiches und sinnvolles Leben geben.

 

Hinweis 9

Der Olof-Palme-Friedenspreis 2017 mit einem Preisgeld von jeweils 1.000 Euro geht an

Ahmed Sulaiman Jàf und Heinz Gérard

und an

die Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Busch-Förderschule und ihre Lehrerin Birgit Durchgraf.

 

Herzlichen Glückwunsch!

 

 

 

Vorschlag Bemerkung
1 Marina und Dieter Umlauff
2 Ahmed Sulaiman Jàf und Heinz Gérard Preisträger, 1.000.-
3 Arise e.V.
4 Olaf Klaus, Christian Brandt, Olaf Götsche, Sven Meier
5 Ursel Blumroth
6 Mehmet Aydemir
7 Mehmet Daklininc
8 Wilhelm Busch Förderschule Glinde Preisträger, 1.000,-
9 OASE Oldesloe