Deponie 78 in Barsbüttel

Fotos: Martin Habersaat unterwegs auf dem Gelände der "Deponie 78"
Fotos: Martin Habersaat unterwegs auf dem Gelände der "Deponie 78"

Das Land erwartet weitere Bodensetzungen:

Fotos: Martin Habersaat unterwegs auf dem Gelände der "Deponie 78"
Fotos: Martin Habersaat unterwegs auf dem Gelände der „Deponie 78“

Die Landgesellschaft Schleswig-Holstein hat nach eigenen Angaben 75 Gebäude auf oder an der „Altablagerung 78“ in Barsbüttel verkauft. Fünf der Käufer haben sich nach Auskunft der Landesregierung im Laufe der Jahre an die Landgesellschaft gewandt, weil sie Probleme mit Erdabsenkungen, gerissenen Versorgungsleitungen oder ähnlichem hatten. Weitere, die Zahl sei nicht mehr rekonstruierbar, hätten sich bei Tätigkeiten vor Ort direkt gemeldet. Sie alle wurden von der Landgesellschaft auf einen umfassenden Gewährleistungsausschluss in den Kaufverträgen hingewiesen. Das ergab eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Martin Habersaat. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion wuchs in Barsbüttel auf und kann sich noch gut erinnern, wie ihm als Grundschüler Mitte der 1980er-Jahre das Spielen in den Kellern von Freunden verboten oder das Rollschuhfahren zwischen den Garagen auf dem Deponie-Gelände unmöglich wurde. „Ich habe aktuelle Berichte über Bodensetzungen und Klagen von Hausbesitzern deshalb zum Anlass genommen, mich ausführlich über den aktuellen Stand zu informieren“, berichtet er.

Die Deponiegase werden noch heute kontinuierlich über Gasbrunnen aus dem Untergrund abgesaugt. Der reibungslose Betrieb wird regelmäßig kontrolliert. Eine umfassende Überwachung der Gasabsaugung sowie der gesunden Wohn- und Arbeitsverhältnisse erfolgt über Probenahmen und Analysen von Bodenluftproben an Beobachtungsbrunnen. Ergänzend werden auch die Gaskonzentrationen an den Gasbrunnen kontrolliert. Die Geländesetzungen werden an Höhenmesspunkten überwacht. Viele Teile dieser Anlagen kann man bei einem Spaziergang über das Gelände sehen. Während anfänglich Deponiegas mit etwa 30 Vol.-% Methan abgesaugt wurde, ist die Methankonzentration inzwischen auf im Mittel 0,4 Vol.-% abgesunken. An vielen Stellen der Altablagerung ist aktuell kein Methan mehr nachweisbar. Es ist ein weiterer Abbau der Restorganik zu erwarten, der sich in höheren CO2-Konzentrationen der abgesaugten Bodenluft bemerkbar machen wird. Der Absaugbetrieb wird weiter fortgeführt.

Zum weiteren Setzungsverlauf wurde zuletzt 2019 eine Prognose erstellt, erfuhr Habersaat. Die Prognose geht von durchschnittlichen Restsetzungen für die gesamte Altablagerung von 9–13 cm und für den Zentralbereich von 16–25 cm aus. Lokal seien Abweichungen möglich. Habersaat: „Die aktive Gasabsaugung kann diese Setzungen beschleunigen. Es ist bedauerlich, von Hausbesitzern zu hören, wie ausgerechnet in ihren Vorgärten deutlich stärkere Setzungen stattfinden.“ Gefahren für Nutzer der Grünanlage erwartet die Landesregierung nicht: Ein überspannendes Geotextil verhindere Risiken durch Setzungen oder Rutschungen, insbesondere in der Nähe alter Fundamentreste abgerissener Gebäude. Kleine lokale Hohlformen an der Oberfläche werden von der Gemeinde im Rahmen der Verkehrssicherung aufgefüllt. Martin Habersaat: „Die Geschichte der Deponie 78 ist auch aus heutiger Perspektive ebenso erschütternd wie einzigartig. Von ‚Deutschlands größter bewohnter Müllkippe‘ schrieb die Presse einst. Es wird noch sehr lange dauern, bis uns die Folgen nicht mehr an dieses unselige Kapitel in der Geschichte Barsbüttels erinnern.“

Historie:

Fotos: Martin Habersaat unterwegs auf dem Gelände der "Deponie 78"
Fotos: Martin Habersaat unterwegs auf dem Gelände der „Deponie 78“

Auf dem Gebiet der sogenannten Deponie 78 (das Land zählt die Altablagerungen durch, und in Barsbüttel liegt u.a. die Nr. 78) wurde Ende der 1920er bis Mitte der 1950er Jahre für ein Hartsteinwerk Sand abgebaut. Schnell fanden interessierte Menschen heraus, dass man auch mit der Verfüllung der Gruben Geld verdienen konnte. Hinein kamen ab etwa 1930 Mineralbodenabraum und Rückstände aus der Hartsteinproduktion. Zwischen 1954 und 1966 wurden die Gruben, insbesondere durch die Hamburger Stadtreinigung, zur Ablagerung von Müll (Haus-, Gewerbe-, Industrie- und Sperrmüll) sowie Boden und Bauschutt genutzt. Strittig war später die Frage, ob hier auch Abfälle der Hamburger Chemiefirmen Boehringer und Reichhold vergraben wurden. Danach wurde die Verfüllung unterschiedlich mächtig mit Mineralboden abgedeckt. Auf dieser zirka elf Hektar großen Altlast wurden Ende der 1970er Jahre um eine Grünanlage (mit Rodelberg), die einen Zentralbereich des Müllkörpers überdeckt, etwa 170 Wohngebäude errichtet. Bereits kurz nach dem Bau der Gebäude kam es zu Geländesetzungen, die sich zuerst durch auftretende Schäden der Versorgungsleitungen bemerkbar machten. Es gab auch Risse in den Häusern und richtige Krater, die sich auftaten. 1986 gründete sich eine Bürgerinitiative, die anfangs Untersuchungen des Müllkörpers und später eine Absiedlung forderte. Dieser Forderung wurde 1987/1988 auf Beschluss der damaligen Landesregierung stattgegeben. Das Land bestritt eine Gesundheitsgefahr, kaufte den Eigentümern aber ihre Häuser ab. In der Mitte des Geländes wurde alles abgerissen, 1994/1995 wurde eine Gasfassungs- und Entsorgungsanlage mit über 85 Gasbrunnen und noch heute gut sichtbaren Sammelstellen auf der Fläche installiert. Gebäude am Rand der Deponie wurden saniert und verkauft.